Im türkischen Dorf


November 1987 – Oktober 1988

Ich habe mein Studium der Ethnologie 1986 beendet, doch ein einjähriger Aufenthalt „im Feld“ – so empfehlen es Fachleute -, fehlt. Fast drei Jahre sind wir befreundet. Warum nicht ein größeres Projekt wagen? Ich versuche Mittel für eine Forschung über die Sozialisation in einem Dorf in der westlichen Türkei zu bekommen. In der Nähe von Bergama können wir im Haus der Verwandten meines Freundes Kurt leben. Ulrich, der kein Türkisch spricht, will mich begleiten. Meine Biografie lässt eine positive Entscheidung erhoffen. Nach langer Wartezeit erhalte ich die Einwilligung für Fördermittel und endlich auch eine Forschungserlaubnis durch die türkischen Behörden.

Hoş geldiniz – Herzlich willkommen

Von Frankfurt fahren wir mit dem vollgepackten Peugeot 504 Ende November über Wien, Budapest und Thessaloniki Richtung Osten. Auf dem Rücksitz liegt ein in Federbetten gehüllter Computer, eine nagelneue Sony-Videokamera, eine Bolex-Filmkamera mit einer Stunde (!) Filmmaterial, die ich nach Absolvierung eines Lehrganges vom Institut für den Ethnographischen Film in Göttingen ausgeliehen bekomme, daneben etliche Schwarzweiß- und Farbfilme, um für den Rowohlt Verlag einen Reiseführer „Türkei verstehen“ zu erstellen und viele, viele Bücher: Literatur, Nachschlagewerke, Wörterbücher.

Nach der Überfahrt über die Dardanellen bei Ҫanakkale erreichen wir Anatolien. Wir sind im Orient. Für Ulrich ist es der erste Aufenthalt in diesem Teil der Welt. Nach einem Abendessen im am Meer gelegenen Dikilli erreichen wir das im Hinterland befindliche Bölcek. Über meinen Freund Kurt, dessen Mutter aus diesem Dorf stammt, habe ich das leerstehende Haus einer abwesenden Verwandten mieten können. Seine noch dort lebende Tante Hasibe und ihre Tochter Seҫkin erwarten uns. Durch die Gassen huschen zukünftige Nachbarinnen in schwarzen, mantelartigen Umhängen, dem kıvrak, um uns mit Hoş geldiniz herzlich zu begrüßen. Wir antworten mit Hoş bulduk und bedanken uns. Ich ahnte nicht, dass Bölcek ein streng sunnitisches Dorf ist.


Das Haus

Unser Haus liegt am Rande des Dorfes gegen Westen mit freiem Blick über Felder. Es ist aus Ziegelsteinen erbaut, hat eine Kanalisation, große Fenster und ist mit Grundsätzlichem ausgestattet. Die sehr kleinen Fenster der ringsherum befindlichen Lehmhäuser zeigen zur Straße hin; große Tore bieten Einlass in geräumige, meist verschlossen gehaltene Innenhöfe.

In den ersten Tagen überlegen wir, ob wir lieber in das 30 km entfernte städtische Bergama ziehen. Dort gibt es bessere Bedingungen für Städter wie uns. Wir suchen im antiken Kern der Stadt rund um die Akropolis: Leer stehende herrliche Steinhäuser, in denen die Griechen, „Rhomäer“ (Rumlar), einst wohnten, bevor sie um 1919 aus Kleinasien vertrieben wurden. Diese Häuser sind jedoch nicht zu mieten.

Wir entscheiden uns im Dorf zu bleiben und kaufen weißen Vorhangstoff, aus dem wir auf einer alten Singer-Nähmaschine Gardinen zaubern. „Man müsste drei Arme haben. Ulrich dreht das Rad, ich ziehe und dirigiere den Stoff“ heißt es in meinem Tagebuch. Wir drapieren den neu gekauften Klapptisch und die zwei Holzstühle im Raum. Alles sieht hell und strahlend aus. Wir fühlen uns fast wie zu Hause.

„Zu Hause“ fühlt sich auch ein kleiner Hund, den wir nach seinem Besitzer, der gerne Anisschnaps trinkt, „Whisky“ nennen. Der Hund zieht in einen Unterschlupf vor „unserem“ Haus ein.


Die Arbeitsplätze

Schon entsteht Ulrichs erstes Bild. Nun schmücken tanzende Derwische unseren Raum. Die sufistische Glaubensvorstellung beruht darauf, dass Verstand, Herz & Körper eins sind mit den Galaxien des Universums. Ulrich hat den Aufsatz des Orientalisten Helmut Ritter über Derwische gelesen, den ich aus Frankfurt mitgenommen habe.

Ulrich verarbeitet unser tägliches Leben in Bildern.“Vormittags dunkle Wolken, dann gegen Mittag ein regelrechter Wolkenbruch, teilweise mit Hagel vermischt. Dazwischen immer wieder riesige Blitze. Die Straße ist wie ein Fluss. (Tagebuch vom 10.12.1987) Ulrich, der vieles drastischer sieht, schreibt: „mit Scheiße jeglicher Tierart bepflasterte Dorfwege.“ (Brief Ende Februar 1988)

Das Haus hat einen Schlafraum, ein Wohnzimmer, ein Bad und eine kleine Küchennische. Ein Schlafraum und das Wohnzimmer bilden unsere Arbeitsplätze. Im größeren Raum werden Gäste empfangen, Bücher gelesen, Schachspiele geführt, Gedanken notiert, Briefe geschrieben, Bücher und Zeitungen gelesen und: Bilder gemalt. Eine Rolle Packpapier und Tüten voller Farbpigmente, die sonst für die Wände verwendet werden, bilden die Grundlage zur Herstellung von Ulrichs Bildern. Nur als gerollte Gemälde wird er sie nach Beendigung des Aufenthaltes im vollbeladenen Peugeot nach Frankfurt transportieren können. – Der kleinere Schlafraum mit Computer wird als Rückzugsort bei Besuch dienen.

Seine chicen Frankfurter Schuhe aus schwarz/weißem Leder sind für den Gang durchs Dorf völlig ungeeignet! Hier müssen wir schwarze Gummischuhe überziehen. Aus diesem Anlass entsteht Ulrichs: „KÖTÜ HAVA, Iyi ayakabı“- Schlechtes Wetter, guter Schuh.

Auch in Bölcek setzt Ulrich visuelle Eindrücke, durchlebte Gefühle, zermürbende Gedanken in Bilder um. Manche Motive (z.B. der Mann ohne Unterleib, die Tänzerin und der Terrier als Laubsägearbeit oder die Schildkröte als Symbol der Langsamkeit – ich hatte sie bereits in der Saalburgallee entdeckt -, ziehen sich durch sein ganzes Schaffen. Er nimmt Postkarten als Anlass für seine Bilder: z.B. die von Ephesus, die Postkarte mit den Wesiren oder die aus Orvieto. Visuelle Eindrücke sucht er nicht, sie finden ihn.


Unsere Gasse

Unsere Gasse führt vom Dorfende durch das Viertel ins Zentrum. Als wir Ende November eintreffen, nehmen uns die Nachbarinnen freundlich auf: das fordert die türkische Gastfreundschaft. Wir hingegen verhalten uns „deutsch“, missachten die Regeln, wonach Besucher immer zu empfangen sind. „Es geht nicht anders. Am Ofenrohr hängt unsere Wäsche zum Trocknen. Alles steht herum. Was ist schlimmer? Unangemeldete Gäste vor der Tür stehen zu lassen oder ihnen eine Sicht auf unser Innenleben zu bieten?“ (Tagebuch vom 09.12.1987) Ich entschließe mich, unsere Privatsphäre zu verteidigen.

Eine weitere Grundregel, die wir von unseren Nachbarinnen im religiösen Bölcek lernen, heißt, dass Essen geteilt wird: „Kaum zu Hause, kommt Hasibe mit einem zugedeckten Teller: Sie bringt uns heißes Börek mit Spinat gefüllt, dazu eine Scheibe Honigmelone.“ Gaben in Form von Speisen, bzw. in Fett Gebackenem, werden zu vielen Anlässen verteilt. Dieses Ritual stellt Bindungen her und gilt als „gute Tat“. Im Fastenmonat und zu Gedenktagen an Tote häufen sich diese Gaben. Wir werden mit Bergen von in Fett Gebackenem überhäuft. Wir passen uns diesem Gesetz an: Immer stehen kleine Gaben – Obst, Plätzchen – bei uns bereit. Kein Teller darf leer zurückgehen, das ist die Regel. Reziprozität muss eingehalten werden, Geben und Nehmen sollen ausgeglichen sein.

In unserer Gasse herrscht in der Nutzung des Raums eine patrizentrale Ordnung. Männer halten sich tagsüber meist außerhalb der Häuser auf. Das Haus gehört den Frauen.

Meine Teilnahme am Leben der Frauen wird erwartet. Morgens rufen sie bereits früh nach mir. Ich wehre sie an der Haustüre mit Entschuldigungen ab. Nun fordern sie mich zur Teilnahme am Brotbacken, Gemüse putzen, Schafe scheren, Teetrinken auf. Ich bin viel in der Nachbarschaft unterwegs. Von der teilnehmenden Beobachterin werde ich zur Teilnehmerin.

Doch als Fremde und Forscherin kann ich auch mit der klassischen Rolle der Frauen in muslimischen Gesellschaften brechen, denn als solche habe ich eine Sonderposition inne. Bei der Beschneidung der Knaben, die führend von den Männern durchgeführt wird, kann ich sowohl bei den aktiv handelnden Männern, wie bei den passiv draußen wartenden Frauen, dabei sein. – Abends erzähle ich Ulrich über Aktivitäten und Gespräche im Dorf.

Ulrich, der als Mann der Männerwelt angehört, lebt im Dorf eher das Leben von Frauen. Er hält sich überwiegend im Haus auf, liest, durchforstet Tageszeitungen auf aktuelle Themen wie:  das Bild der Frauen in der Werbung. Auf einem winzigen Fernsehapparat, den wir mitgenommen haben, kann Ulrich das Dorf “gedanklich“ verlassen. Wenn es „goal“ heißt, steht das Ergebnis fest. Nachts bevorzugt er Heinrich Mann und Robert Musil: „Der Mann ohne Eigenschaften“.

Wir beide leben also im Dorf eine umgekehrte Rolle, als die erwartete traditionelle. Während ich mich bald integriert fühle, bleibt Ulrich im Ort der beobachtende Fremde. Doch anthropologisches Verstehen ergibt sich aus einem intensiven Kommunikationsprozess zwischen den anderen und einem selbst, aus der Dialektik von Nähe und Distanz. Während ich durch die Frauen oft gedrängt werde, teilzunehmen, kann sich Ulrich dieser gewollten Nähe – auch aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse – entziehen. Er bleibt Fremder und Beobachter zugleich.

Meine Gewährsleute in der Gasse sind zunächst Kinder aus der Nachbarschaft im Alter bis zu 14 Jahren. Sie sind neugierig auf uns, weil wir ihnen so anders als ihre Eltern erscheinen. Aus losen Kontakten werden Freundschaften. Ich notiere Spiele und Lieder, sie berichten über dörfliche Feste, Sitten und Gebräuche, Moralvorstellungen, Rituale, Tabus und symbolische Ordnungen. Sie verfügen über ein erstaunliches Wissen über die Natur, die Vieh- und Landwirtschaft, aber auch über das Sozialleben des Dorfes. Was ich von ihnen erfahre, frage ich bei Erwachsenen nach.“ Im Dorf, wo alles relativ westlich aussieht ‑ Traktoren fahren, die Stadt nicht allzu weit entfernt ist, fast jede Familie einen Fernseher hat ‑ scheint auf den ersten Blick nichts besonders interessant zu sein. Je mehr ich nachfrage, desto mehr Geheimnisse kommen heraus.“ (Tagebuch vom 9.12.1987)

Die Kinder kommen nachmittags nach der Schule oder dem Koranunterricht und sind entzückt, wenn „Ulguş“ – so nennen sie ihn – wieder etwas Neues auf das Packpapier an der Wand gezaubert hat. Auch Ulrich freut sich über ihren Besuch: „Freude bereitet mir momentan die Kennzeichnung (Titulierung) meiner selbst durch die hier ohne Ende ein und ausgehenden jungen Dinger, die ihren ‘Ulguş’ oder ‘Ulgisch’ gerufenen Neuforscher durch z.B. Befragen nach Tauglichkeit eines gemalten (meist DIN A5) Bildes doch wieder zu seinen Roots zurückkehren lassen.“ (Brief von Ende Februar 1988)

Der Besuch der Kinder bedeutet mehr: „Die Möglichkeiten, ein offenes Mädchengesicht in Augenschein zu nehmen, sind trotzdem nicht unerheblich, da sich so gut wie jeden Tag mindestens ein sechs‑ bis zehnjähriges Mädchen einstellt um meiner Gefährtin Rede und Antwort zu stehen und ich immer wieder kurz vorbei wusel um wenigstens ‘Guten Tag’ gesagt zu haben.“ (Brief Ende Februar 1988)

Auch wenn Ulrich im Dorf die meiste Zeit im Haus verbringt, scheinen die Eindrücke auf ihn sehr vielfältig, ja drängend zu sein. Im Brief zum Jahresende schreibt er, dass: „… noch Tausende nach Entstehung schreiende ‘süper posterler’ meiner harren (die Freude am anatolischen Teppich) und gemalt werden wollen.“ (Brief zum Jahreswechsel 1987/88)


Frauenwelt

Im Dorf sollen Mädchen zu Mädchen, Jungen zu Jungen erzogen werden. Mädchen, die zu „burschikos“ auftreten, Jungen, die zu „weichlich“ sind, d.h. „weiblich“ auftreten, sind nicht gewollt. Mädchen wachsen weitgehend unter weiblichen Verwandten und Nachbarinnen auf. Dort sollen sie sich aufhalten, bevorzugt im eigenen Viertel. Dies wird überwacht. Grundprinzipien, die eine muslimische Gesellschaft bestimmen – wie Ältere zu achten, dass Männer über Frauen stehen, das Postulat der Reziprozität und der Gastfreundschaft – werden durch Vermittlung anderer Frauen gelernt.   

Ziel der dörflichen Gesellschaft ist es, dass geheiratet wird und Kinder gezeugt werden. Häufiges Thema ist, wer mit wem verlobt und wer mit wem verheiratet werden wird. Trommeln, die über die Dorfgrenzen zu vernehmen sind, laden zu Verlobungen und Hochzeiten ein. Gefeiert wird von Frauen und Männer immer getrennt. Sowohl für Privathäuser, wie auch für den „Hochzeitssaal“ im ehemaligen Kino im Dorfzentrum, gibt es dafür Vorschriften. Im „Hochzeitssaal“ feiern die Frauen unten: die Älteren – Mütter und Großmütter – sitzen kontrollierend im Hintergrund, während die jüngeren Frauen den Tanzboden im Saal bestimmen. Es bestehen Regeln, wer von den „Frauengebern“ wann mit den „Frauennehmern“ tanzt. – Nur unverheiratete junge Männer dürfen vom Balkon aus zusehen.

Da das weibliche Geschlecht in einer patriarchalischen Gesellschaft als zweitrangig behandelt wird, gibt es eine vergleichbare Feier, wie die der Beschneidung der Knaben, die deren Aufnahme in die Gruppe der Männer feiert, beim Eintritt der Geschlechtsreife der Mädchen nicht. Steht der Hochzeitstag fest, wird die Aussteuer der Braut öffentlich ausgestellt. An deren Ausstattung lässt sich der Wert eines Mädchens erkennen.

Für Mädchen ist es in 1988 schwer, einen anderen Weg zu gehen als den, der zur Eheschließung führt. Wer eine höhere Schule besuchen oder der dörflichen Kontrolle entgehen will, muss in die Stadt ziehen. Das Thema „Berufausbildung für Mädchen“ existiert damals nicht.


Männerwelt

In einer islamischen Gesellschaft sind Männer das dominante Geschlecht. Dies zeigt sich u.a. auch in der Nutzung des Raumes. Männer bestimmen weitgehend den öffentlichen Raum. Im Haus trifft man sie selten an, meist nur gegen Abend. Sie arbeiten auf den Feldern, kümmern sich ums Vieh, suchen Behörden  auf oder unterhalten sich mit anderen Männern in Teehäusern.

An der Beschneidung eines Knaben wird die Vorherrschaft des männlichen Geschlechts demonstriert. Der Vortag der Beschneidung, der die Ablösung von dem bisherigen Status betont, wird von Frauen und Männern getrennt gefeiert. Am „heiligen“ Freitag, nach dem islamischen Kalender ein Feiertag, findet die nur von Männern ausgerichtete Beschneidung nach dem Mittagsgebet statt. Es soll ein großes, sich einprägendes Fest werden. Meist übernimmt der Vater als Hauptakteur die Leitung. Prächtig gekleidet, ausstaffiert wie ein Prinz, wird der Knabe auf einem Pferd – begleitet von den Männern und dem Geistlichen – unter Gebeten zur Beschneidung geführt. Sein Genital wird vor aller Augen beschnitten. Der Knabe wird damit in die männliche Gruppe und gleichzeitig in die der Muslime aufgenommen. Danach wird der Knabe zur Belohnung mit Geschenken überhäuft.

Ulrich wird ausdrücklich zu der Feier der Männer am Vorabend eingeladen. Er nimmt die Einladung tapfer an und geht mit den Männern mit. Dort wird er von ihnen auf seine Trinkfestigkeit überprüft!!!


Im Dorfzentrum

Bölcek besteht aus zwei Vierteln (mahalle) mit überwiegend sunnitischen Einwohnern. Mit circa 2500 Einwohnern ist es kein Dorf mehr und gilt bereits als Stadtgemeinde (belediye). Doch die Bewohner sprechen weiterhin von „unserer mahalle“ und „unserem Dorf“ (bizim köy).

Verschiedene Kalender prägen das Leben im Dorf. Das ist der bäuerliche, der das Jahr in eine Winterhalbzeit mit 179 Tagen und eine Sommerhalbzeit mit 187 Tagen teilt. Hauptsächlich prägt aber die islamische Zeitrechnung das Leben im Dorf.  Sie richtet sich nach dem Jahreslauf des Mondes und ist zehn bis elf Tage kürzer als das Sonnenjahr. Alle Daten verschieben sich entsprechend. Erst nach 33 Jahren fallen die Feste wieder in die gleiche Zeit. Der Fastenmonat Ramazan zählt als der Höhepunkt des Jahres. Im Jahre 1988 fällt er in den Mai. Das Fest des Fastenbrechen am Ende des Fastenmonats, das Zuckerfest, wird über drei Tage hindurch gefeiert. Fünfmal am Tag ruft der Muezzin zum Gebet; seine Rufe sind durch den Lautsprecher überall zu hören. Die Gebetszeiten strukturieren den Tag. Spricht man über eine anvisierte Zeit, bezieht man sich auf die davor oder danach liegende Gebetszeit. Die Pflichtgebete und die dazu vollziehenden Waschungen sind „Merksteine“ des Tages.

Die Dorfviertel treffen im Zentrum von Bölcek zusammen. Religiöse und profane Welt treffen sich. Hier befindet sich die 1983 erbaute Moschee, die in grün – der Farbe des Islam – gestrichen ist. Um sie herum liegen Läden und Teestuben. Es ist ein durch Männer geprägtes Zentrum. Frauen gehen hier möglichst nicht durch. Um in die Moschee zu kommen, benutzen sie Nebenstraßen und den Seiteneingang. – Neben der Moschee liegt das Postamt mit einer Kabine für nationale Telefonate. Um 12 Uhr wird die Post aus Bergama geliefert und im Dorf verteilt. – Der Einkaufsladen von Adnan ist der größte im Ort und befindet sich gegenüber der Moschee. Er bietet alle Waren an, die man im Dorf braucht. Auch Überschuhe aus Gummi. In einem Nebenraum wird Alkohol gelagert.

Nur ein paar Schritte von der Moschee befindet sich auf dem größten Platz des Dorfes, dem Platz der Republik, das Atatürk-Denkmal. Hier wird der Staatsgründer Mustafa Kemal an Tagen, die an die Gründung der Republik erinnern, vom Dorf gemeinsam gefeiert. Am 23. April, der als „Feiertag der Kinder“ gilt, wird an die Gründung des türkischen Parlaments erinnert. Dazu versammeln sich die Bewohner. Ebenso im Zentrum wird im ehemaligen Kinosaal, der gleich nebenan liegt, Verlobung und Heirat am Samstag und Sonntag gefeiert. Dazu laden den ganzen Tag über Trommeln ein.


Zwischen Orient und Okzident

Ulrich lernt im sunnitischen Bölcek den Orient kennen. Die dort herrschende muslimische Welt mit der strengen Trennung der Geschlechter ist ihm völlig neu. Wir kaufen Zeitschriften, um seinen durch Bölcek eingegrenzten Horizont zu erweitern. Durch Fahrten in umliegende Städte und später durch die gesamte Türkei, weitet sich sein Blick. Er schaut über das dörfliche Umfeld hinaus.

Im Zentrum der Wahrnehmung steht der Mensch; auch Ulrich. Sein Selbstbild bestimmt die Wahrnehmung der anderen und des anderen. Ulrich bezeichnet sich in seinem Brief Ende Februar 1988 als „toleranter, weltoffener + weitgereister Modezar“, um dann heftig über die regionale Bekleidung zu lästern. Ausgehend von seinem Selbstbild greift er kulturspezifische Themen auf: kommentiert, kritisiert und persifliert sie mit Humor, aber auch mit Arroganz.

Durch Fremdes kann man lernen. Es kann erhöht, als faszinierend aufgenommen, aber auch als bedrohlich und rückständig wahrgenommen werden.  Der Perspektivenwechsel, der sich bei Ulrich durch den Aufenthalt in Bölcek und der Türkei ermöglicht, führt bei ihm nicht zur Erkenntnisgewinnung, sondern zur Überhöhung des Eigenen und zur Abwertung des Fremden.

Ein Motiv für seinen Aufenthalt in der Fremde ist u.a. auch, Eindrücke und Geschichten zu sammeln, um diese an „Apfelwein-Abenden“ seinen Freunden erzählen zu können. Ein klassisches Motiv in Märchen!


YoldayızUnterwegs

Oft fühlen wir uns im Dorf eingeschränkt und sind froh, es verlassen zu können. Gelegenheiten dazu nehmen wir gerne wahr. Regelmäßig fahren wir nach Bergama: am Samstag, um telefonisch Ergebnisse der Frankfurter Eintracht zu erfahren oder Ulrichs Haare schneiden zu lassen; am Montag, um den regionalen Markt, der sich durch die Stadt zieht, aufzusuchen. Er bietet eine Gelegenheit für ihn, um den Stempel „MAXFRANZ“ herstellen zu lassen. Im Januar besuchen wir in Bergama einen Kamelwettkampf; im Februar in Kınık, einem Nachbarort, Ringkämpfe für Männer. Diese Veranstaltung inspiriert zum Bild: „Erschöpft auf der Matratze.“

Alle drei Monate muss Ulrich über die Grenze, denn dann läuft seine Aufenthaltsgenehmigung ab. Das erste Mal fahren wir nach Ҫeşme. Von dort setzt er auf die griechische Insel Chios über. Ich bleibe lesend zurück. Abends kommt er glücklich & beschwingt zurück. – Nach weiteren drei Monaten setzen wir gemeinsam von Ayvalık nach Lesbos/Mitilini über. Den Peugeot mit den blauen Kennzeichen lassen wir zurück. Dort mieten wir eine Vespa und brausen über die Insel.

Auch unsere Freunde wollen mehr als nur das Dorf sehen. Mit Renate fahren wir Anfang März an die ägäische Küste nach Lykien. Ulrichs Freund Florian begleitet uns ab Anfang Juni auf der Recherche für den Reiseführer bis in die Osttürkei. Über Kappadokien und den Van See kommen wir in armenisch-georgische Grenzgebiete und hinunter bis ans Schwarze Meer; von dort geht es mit dem Schiff nach Istanbul. Nach dem Abschied von Florian, landen wir in „unserem“ nun von Hitze geplagtem Dorf. Hier wächst Baumwolle. Das sagt alles!

Eindrücke & Postkarten werden gesammelt, daraus werden Bilder erstellt.


Um uns Fremdes – Amulette,  Abwehrzauber,  Magie

Der Ethnologe Klaus E. Müller hat 1987 das Buch „Das magische Universum der Identität“ fertiggestellt und mich gebeten, „die magische Welt der Kinder“ in meine Forschung einzubeziehen. Ich habe sein Buch dabei. Dieses Themenfeld interessiert Künstler wie Ulrich besonders.

In der Universität in Izmir/Bornova besorge ich auch Artikel und Bücher türkischer Wissenschaftler zu dem Gebiet, u.a. die Bücher von Ismet Zeki Eyuboğlu. Ich übersetze relevante Seiten über Magie und Amulettwesen für Ulrich, anderes zur Zahlensymbolik & zum Abwehrzauber aus weiteren Büchern. Er ist fasziniert und verwendet abgebildete Amulette und magische Zahlen in seinen Bildern.

Im Dorf bestimmen viele nicht-sichtbare, symbolische Ordnungssysteme den Alltag. Zu Beginn von etwas Neuem sollte die besmele, „bismillah“ (Im Namen Allah), gesprochen werden. Ein Bus oder einen Raum sollte mit dem rechten Fuß zuerst betreten und dabei die besmele gesprochen werden. Die Ordnungen von Zeit und Raum, die nach rein/unrein, heil/unheil, rechts und links, gerichtet sind, müssen von allen beherrscht werden. Der Koran, Brot und Getreide darf niemals unter die Gürtellinie gehalten werden.

Von den Kindern, die uns besuchen, tragen einige Amulette auf der Schulter. Sie erzählen mir von Amuletten in der Nachbarschaft, die gegen das Stottern und gegen Schwächeanfälle ihrer Spielkameraden verschrieben worden.

Selbstverständlich haben die Kinder blaue Perlen zum Schutz gegen den bösen Blick angeheftet. Ein Mädchen hat einen Dattelkern aus Mekka um den Hals, der ebenfalls, da er aus dem heiligen Zentrum kommt, gegen das Böse hilft.

Die Kinder erzählen mir von büyü, Verzauberungen, die gegen Personen verhängt worden, damit diese sich in bestimmte Mädchen verlieben. Auch werden Praktiken angewandt, um die Zukunft zu erfahren. Fal okumak nennt sich das.

Die Kinder betreten – mit dem rechten Fuß zuerst, die besmele murmelnd, ohne Schuhe unser Haus. Wenn ich sie mit dem Gruß „Bis morgen“ verabschiede, antworten sie mit, „Inşallah„, „wenn Allah will“.


Zeit für den Abschied – Heimweh

„Wir freuen uns schon sehr aufs Zurückkommen. In der Hitze ist es oft unerträglich und insgesamt langt es mit den Türkeierfahrungen. Wir sind gedanklich – trotz landschaftlich Schönem auf der erlebten Rundreise – wieder in Bölcek. Bei der Hitze wird jede Bewegung zur Last. Hier ist es immer um die 40 Grad im Schatten. Jetzt, um Mitternacht, drehen sich beide Ventilatoren auf höchster Stufe und dennoch ist es noch über dreißig Grad im Haus. Ein durchwachsenes deutsches Wetter würde uns guttun. Notgedrungen wird man hier apathisch. – Im Winter war es das Holzhacken, das Einheizen, die Kakerlaken und die feine Asche, die sich über alles ausbreitet; jetzt ist es die Hitze, der feine Sand, der sich täglich auf allem niederlässt. Nur über die Schnaken kann ich dankbar vermerken, dass es nicht allzu viele sind.

Wir haben in Bergama an einem Campingplatz ein Schwimmbad entdeckt und gehen jetzt häufig dorthin. Schön, einmal so richtige, europäische Stunden am Swimming-Pool erleben zu können! Na ja, in zwei Monaten sind wir schon wieder zurück.“ (Brief von Hanne an die Eltern vom 31.7. 1988)


Fotos der Bilder

Der plötzliche Tod meines Vaters führt uns im August für eine Woche nach Frankfurt. Nach unserer Rückkehr ins Dorf ist die Stimmung angespannt, unsere Empfindlichkeit steigt. Der Wunsch nach Rückkehr nach Frankfurt tritt auf.

Beim Einpacken Ende September 1988, bevor wir das Dorf endgültig verlassen, fallen mir zwei unbelichtete Filmrollen in die Hand. Von 40 gekauften Filmen für das Buch AndersReisen Türkei habe ich 38 Filme mit Motiven vom Westen bis Osten der Türkei belichtet, nur zwei Filme nicht. Ich habe eine Idee! Wir rollen die Packpapier-Bilder wieder aus und heften sie erneut an die mit Farbklecksen beschmierte Wand; kleinere Bilder fotografiere ich schnell auf den Fliesen des Fußbodens. Die originalen „Süper Posterler“ von Ulrich werden eingerollt und kommen mit auf die Heimfahrt.


Göttliches



Weibliches auf kilim



Details


Männliches



Schwimmendes