„Ein Teil der Männer verlässt die Moschee nach dem Mittagsgebet, während die anderen bis zum Nachmittagsgebet bleiben. Auch der Knabe nimmt an den Gebeten teil. Einige Frauen beten im oberen Stock der Moschee mit.
Vor der Moschee wartet ein Pferd. Die Männer kommen mit dem Knaben aus dem Seitenausgang und setzen ihn auf das Pferd. Die männliche Gemeinde stellt sich hinter dem Pferd auf und der Zug setzt sich in Bewegung ‑ zunächst ohne das islamische Glaubensbekenntnis zu beten.
Sie gehen in Richtung des Hauses der Familie des Jungen. Dort warten bereits draußen Frauen, darunter die Mutter, die weint. Unter Gebeten kommen die Männer mit dem zu beschneidenden Knaben zum Elternhaus. Dort wird erneut unter Leitung des Predigers gebetet. Die Männer erheben dabei ihre Hände, um den Segen zu empfangen. Danach werden Tabletts mit Speisen gebracht, wovon sich die Männer bedienen können. Gleichzeitig drängeln sich die Männer um den Knaben, um an seine Schirmmütze Geldscheine zu stecken.
Ein naher Verwandter hebt den Knaben dann vom Pferd und trägt ihn mit dem rechten Fuß zuerst über die Schwelle ins Haus. – Im Haus ist bereits alles vorbereitet. In einem Nebeneingang steht eine Tafel für die Männer. Die Frauen sitzen vor großen Töpfen und sind bereits dabei, das Essen auf Tabletts zu verteilen. Es gibt das klassische Fest-Essen. Die älteren Frauen sitzen auf der Veranda.
Die wichtigsten männlichen Verwandten sind in einem hinteren Raum versammelt, der mit rotem Papier abgedunkelt ist. Dort steht das Beschneidungs-Bett, dekoriert mit Papierfähnchen etc. Der Beschneider (sünnetci) hat sein Besteck auf einem Tuch am Boden ausgebreitet. Der Knabe wird hineingetragen. Schnell flitzt er wieder raus, zieht im Nebenraum seine Hose aus. Nur im Hemd kommt er zurück. Er wird von einem Mann gehalten und bekommt eine Betäubungsspritze, dann flitzt er noch einmal zur Toilette. Ein Mann hält ihn vor dem Beschneider, der den Eingriff vornimmt. Dem Knaben stehen Tränen in den Augen. Alle Männer klatschen. Dann wird erneut gebetet.
Als ich herauskomme, ist der Hahn, den die Frauen zuvor noch lebend festhielten, bereits geschlachtet und liegt, noch zuckend im Hof. Draußen geht die Tafelei der Männer los.
Der Knabe wird ins Bett gelegt. Nun kommen hauptsächlich Frauen, um ihn zu besuchen. ‑ Vor dem Ausgang des Hauses stehen zwei Stühle. Auf dem rechten steht eine Schale mit Zigaretten, auf dem linken eine mit Süßem (lokum). Alles für die Teilnehmenden.
Die Vorfeier der Beschneidung war am Donnerstagabend. Ähnlich wie bei der Henna-Nacht vor der Heirat, wird der Weizeneintopf (keşkek) gerührt. Die Männer feiern und trinken die Nacht hindurch. Die ausgewählten Betreuer (sağdıҫ) bringen dem Knaben Geschenke. Seine Hände werden mit Henna gefärbt.“
(Tagebuch vom 20. 05. 1988)