Immer auf Achse


Sechs Jahre mit Ulrich

Wer kennt das nicht? Bei der Suche nach Spuren eines gemeinsam verbrachten Lebens wird jemand, der bereits weit entfernt ist, sich fortlaufend weiter entfernt, allmählich wieder präsent. Vergessene Geräusche, Gelächter, Gespräche, Gedanken & Gefühle tauchen auf. Durch die zeitliche Distanz kommt es zu neuen Gefühlen und Reflexionen.

Ulrich Max Franz Wiesner war Künstler. Er führte nicht Buch über seine Werke; er mochte auch nicht, dass sie analysiert werden. Meines Wissens gibt es keinerlei Aufzeichnungen über seine Werke.

Den Schwerpunkt dieser Website bilden die „Packpapier-Bilder“, entstanden ab Dezember 1987 bis Ende September 1988 in der Türkei. Er nennt sie liebevoll „meine süper posterler“ (meine Super-Poster). Bei ihrer Entstehung war ich dabei. Bei den hier gezeigten Bildern handelt es sich um Fotos der Originale. Spuren wie Farbstreifen an der Wand, gemusterte Fliesen am Boden lassen den Entstehungsort erkennen.

Zum Verständnis der Entstehung dieser Bilder beziehe ich drei Briefe von Ulrich aus dieser Zeit ein, die er an Freunde schrieb und die ich zufällig auf einem stick fand. Zur atmosphärischen Untermalung füge ich Aufzeichnungen aus meinem Tagebuch bei. Die Fotos verdanke ich dem Zufall! Mal hatte ich einen Fotoapparat dabei, ein anderes mal nicht. Sie stellen also nur einen kleinen Ausschnitt dar. 


Frankfurt 1985

Ulrich Max Franz Wiesner lerne ich am Samstagabend im Januar 1985 in der Frankfurter Musikhalle „Batschkapp“ kennen. Klaus, einer meiner WG-Mitbewohner, ist einer der Betreiber. In dem heruntergekommenen Schuppen, gleich neben den Schienen des Eschersheimer Bahnhofs, befindet sich im Erdgeschoss der „Elfer“. Dort warten junge Menschen plaudernd auf das Ende der Livemusik, um dann nach Konzertende – ohne Eintritt – oben im Saal bei Discomusik herumzustehen, zu sehen, wer noch da ist und um weiter zu plaudern.

Ulrich, relativ groß, mit leicht schräger Körperhaltung, dunklem Lockenkopf und melancholischem Blick, selbstverständlich schwarz gekleidet, macht mich neugierig. Ich, Mitte 30, Ethnologin mit einer nahezu fertigen Doktorarbeit auf dem Schreibtisch, will wissen, wer er ist.

Ulrich hat gerade die Ausbildung in der Städelschule beendet, die er von 1978 bis 1983 besuchte. Als Künstler nennt er sich Max Franz: Franz, wie sein von ihm verehrter Großvater mütterlicherseits, der, so erfahre ich später, ebenfalls gemalt und geschnitzt hat; Max, so wie sein Großvater väterlicherseits.

Wir verabreden uns für Dienstag. An diesem Abend ist es aufgrund von Eisregen spiegelglatt in Frankfurt. Ulrich, Vespa-Fahrer, lässt dieses Treffen sausen. Beim nächsten Samstag in der Batschkapp will ich wissen, was los war. Die nächste Verabredung wird gleich festgelegt: Morgen, Sonntag, 12 Uhr, auf der Mitte des Eisernen Stegs!

Diese Fußgängerbrücke kennt in Frankfurt jeder: Sie verbindet die nördlich gelegene Innenstadt mit dem gegenüberliegenden Sachsenhäuser Ufer. „Hübbe und drübbe des Mains“, sagt man als Frankfurter.

Pünktlich beim Glockengeläut des Doms bin ich in der Mitte des Stegs. Ulrich eilt von der nördlichen Seite heran. – Bei winterlichem Sonnenschein spazieren wir dann entlang des Sachsenhäuser Ufers am Main, schauen kurz ins Liebig-Café und kehren spätnachmittags in der „Germania“, einer Apfelwein-Stube in der Textorstraße, ein. Unser Gesprächsstoff geht nicht aus.

Ein paar Tage später begleite ich ihn – mit einem Abstecher „auf ´ne Bratwurst“ – durch die Kleinmarkthalle, zu der Druckerei, um die Abschlussarbeit vom Städel abzuholen. Nun schleppen wir eine Tüte voller Bücher mit – meiner Ansicht nach unscharfen schwarz-weiß Fotos durch Frankfurt.

Ein paar Tage später lädt Ulrich mich zu einer Darbietung von „Die Büchse der Pandora“ in der „Batschkapp“ ein. Er selbst nimmt als mit Gold besprühter Statist teil. War das eine Idee seines Freundes Walter Baumann? Ich nehme diese Darbietung ernst, lese das Buch der Eheleute Panofsky und bastle eine kleine Pandorabüchse für Ulrich. Dazu füge ich ein kleines Fläschchen mit Apfelwein bei. – Nach dem Event kommt er mit in meine WG und badet in unserer Frankfurter Badewanne und befreit sich vom Gold. Bei einer Flasche Wein blättern wir noch in einem dicken Buch über das Leben von Francis Picabia, erschienen im Verlag Brinkmann & Bose, Berlin, das ich gerade von meiner Mitbewohnerin Wimi, Buchhändlerin in landinSicht, ausgeliehen habe. Die Sicht auf Picabias Werk wirft Fragen auf. Im Buch stoßen wir auf „Hominini“ aus einer Enzyklopädie aus Milano von 1830. Zufällig besitze ich einige Blätter dieser Enzyklopädie, die ich im Oktober 1976 im alten Bücherbazar, der Sahaflar Ҫarşısı, an der „Istanbul Universitesi“ erstanden hatte. – Welten treffen zusammen!


Bei Ulrich (Max Franz) in der Saalburger

Ulrich ist am 30.05.1956 geboren und lebt in Frankfurt/Bornheim. Nun bin ich bei ihm eingeladen. Habe ich die nagelneue Polaroid-Kamera meiner Freundin Renate, einer Illustratorin, die uns später auch in der Türkei besucht, zufällig dabei? frage ich mich heute. Nur deshalb existieren diese Fotos. In seiner Dachwohnung, mit zwei Zimmern und einer Toilette, steht in der Küche auf schwarz-weißen Kacheln „der Klassiker“: eine Apfelweingarnitur! An einer Garderobenstange hängen Anzüge seines mit Ende Vierzig verstorbenen Vaters; wild gemusterte Krawatten baumeln herum. Unter der Schräge steht ein Regal mit Skulpturen, die Wände sind voller Bilder. Einen geschnitzten, hölzernen Eisbär vom Opa Franz stellt er mir vor. Alles spannend!

Beide befinden wir uns in einer Übergangsphase. Ulrich hat seine Ausbildung gerade beendet. Ich habe empirisch geforscht, muss noch die schriftliche Fassung einreichen. Während ich dafür Zeit am Schreibtisch benötige, ist Ulrich ständig unterwegs. Bei seinen Streifzügen durch die Stadt schöpft er aus dem Vollen. Er sucht nicht, er findet.  Beliebte Fundorte sind Plakatwände, die Wühltische der Kaufhäuser, Flohmärkte…

Als Flaneur liebt er das Leben „hübbe und drübbe des Mains“. Er spricht von „Hineinschneien“ und „Vorbeistressen“, wenn er seine Freunde besucht. Samstag, nach dem Besuch des Flohmarkts am Mainufer, gehen wir mit der Wochenend-Ausgabe einer Zeitung in den „Kanonesteppel“. Sonntags, nach dem Treffen mit seinen Freunden, hole ich ihn abends in der „Germania“ ab. Montagnacht treffen wir uns manchmal im „Cooky’s“. Auch die Apfelweinkneipen in der Nähe seiner Bornheimer Wohnung sind Lieblingsorte. Der Frankfurter Apfelwein, ist, nicht nur wegen des günstigen Preises, ein von uns allen geschätztes Getränk. Über Geld sprechen wir nicht, für einen Apfelwein reicht es immer, die Bratwurst wird geteilt.


An den Wänden


Objekte


In Marbesa/ Andalucia

Ulrich hat Urlaub vom Hufeland-Heim in Seckbach, wo er den Bewohnern Kunst vermittelt. Ich habe inzwischen eine günstige Hinterhauswohnung bezogen, meine Arbeit eingereicht und warte auf den Termin der mündlichen Prüfung.

Was liegt da näher, als zu verreisen? Meine blaue Dyane 6, „der Franzose“, ein Citroen mit Rolldach, ist startbereit. Die Planung der ersten gemeinsamen Reise nach Spanien im Herbst 1985 übernimmt Ulrich. Die Idee dafür geht von ihm aus. Gertrud, seine Mutter, bietet uns ihr Apartment in Andalusien an. Sie selbst wird in ein paar Wochen dazustoßen. Da ich noch nicht weiß, mit wem ich unterwegs sein werde, das heißt, ich Ulrich nicht gut genug kenne, nehme ich genügend Lesestoff von Marcel Proust mit: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.“

Nach langer, aufregender Fahrt genießen wir in Marbesa den südlichen Himmel, das brausende Meer und spanische Tapas. Ulrich ist stets umgeben von einem südlichen Flair; ein Gemisch aus dem Duft von „Maja“, dem spanischen Parfum, und dem Rauch seiner filterlosen Zigaretten. Hier in Spanien sind es Ducados, sonst Gauloises, Gitanes oder selbstgedrehte. Er raucht ziemlich viel; nachts im Bett noch die letzte Kippe. Ich mische mich nicht ein!

Unsere Besuche in der Stadt verschaffen Ulrich Ideen und Motive; es dürfen skurrile Objekte wie Seepferdchen und geflügelte Fischlein aus dem chinesischen Laden sein. Besuche am Meer werden mit dem Auflesen von Strandgut verbunden, das er zu Kunst formt.

Als Ulrichs Mutter kommt, miete ich ein kleines Haus für mich und Ulrich. Besuche folgen. Gerne bringt sie Croissants und Wein vorbei. Wenn sie über Spanien spricht, heißt es: „Schokoladenwetter.“ Zu meinem Geburtstag bäckt sie einen Kuchen. „Jeanette, Baguette“ frotzeln die beiden. Für Ulrich hat sie einen Stapel der spanischen  Boulevard-Zeitschrift „Hola“ aufgehoben, die detaillierte Einblicke in das Leben des Hochadels bietet. Ulrich wird dort fündig. Mir, dem „Hannchen“, erklärt Gertrud die Kunst ihres Sohnes Ulrich.

Der Abschied von Andalusien fällt uns nicht leicht. Zurück führt uns – unterbrochen durch einen Getriebeschaden bei der blauen Dyane 6 in Frankreich – die Fahrt ins naßgraue, vorweihnachtliche Frankfurt. Ulrich reagiert dort mit Atembeschwerden. Die Angstzustände vor der Beschäftigung im Hufeland-Heim verursachen ihm Anfälle von Hyperventilation.

Die Realität bricht knallhart über uns ein. Ulrich sucht nach Wegen, um als Künstler seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Unermüdlich malt er. Verzweifelt sucht er nach Möglichkeiten, Ausstellungsräume für seine Bilder zu organisieren. Es müssen ja nicht Galerien sein! Ein Versuch stellt das Bekleidungsgeschäft eines indischen Freundes im Bad Homburger Kurhaus dar, das jener gemietet hat: Räume mit riesigen Fenstern.  Auch eine Reinigungsfirma auf der Schweizer Straße eignet sich zur Ausstellung seiner Kunst, und willigt ein. Vermittelt über Freunde erhält er Aufträge für Bilder. – Auch beim Arbeitsamt meldet er sich. Viele Künster, so heißt es dort, seien als arbeitslos gemeldet. Es gäbe sie, „wie Sand am Meer“.

Bei mir steht zunächst die mündliche Prüfung an. Danach werde ich durch Empfehlung der Turkologischen Abteilung der Universität zum Übersetzen gebraucht. Ein anerkannter Dokumentarfilmer engagiert mich, um Fragen an einen als Mörder Verurteilten in der Haftanstalt Diez zu stellen. Sein Film „Warum habe ich meine Tochter getötet?“ thematisiert einen sogenannten „Ehrenmord.“


Italien 1986

Im Arnotal können wir im Herbst 1986 das Haus meiner Freundin Jaschi Hegemann mieten. Es liegt in einem Tal abseits vom Tourismus der Toskana. Da es bereits November ist, bleibt das Haus nachmittags auch im Schatten. Täglich müssen wir einen Baum verheizen. Auch sind die Wände des alten Bauernhauses so schief, dass keine Leinwand befestigt werden kann. Das ist nichts für Ulrich, aber auch nichts für mich. So fahren wir kurzentschlossen mit der blauen Dyane 6 weiter Richtung Süden.

Ulrich hatte bereits ein halbes Jahr mit seiner früheren Freundin Birgit in Rom verbracht. Daher spricht er Italienisch. Das Foto von dem Bild „Calamare“ existiert aus dieser Zeit. Es beruht auf Werbung für eingelegte Tintenfische. „Calamare“ ziert Ulrich – rechts und links – mit Füssen und Händen. Diese Votivgaben – hergestellt aus hauchdünnem Blech – werden mit Bitten um Genesung an den Gräbern Heiliger angebunden. Jahrzehnte später kann ich genau diese Votivgaben in einem Laden in Goa/Indien kaufen.

In Rom werden wir an der Piazza Navona fündig. Dort erwartet uns in einem Hotel ein günstiges Zimmer. Eine Parkmöglichkeit bietet sich gleich um die Ecke.  Für uns ist es selbstverständlich. Heute denke ich: „Glückskinder!“ Durch Rom streifen wir nach Gutdünken: Trastevere, Ostia… uns fallen genügend Orte ein. 

Am Hauptbahnhof in Rom will Ulrich mir eine ihm bekannte Trattoria zeigen. Sie ist für ihn mit besten Erinnerungen verbunden. Kaum sitzen wir, kommen zwei Damen. Sie fragen in Italienisch nach den freien Plätzen neben uns. Klar wird: es sind Deutsche, zudem aus Frankfurt. Ulrich hegt prinzipiell eine Abneigung gegen Touristen, besonders gegen deutsche. Er hasst es, wenn man als Deutscher gleich erkennbar ist. Er managt die Situation geschickt. Mit den Damen spricht er weiterhin Italienisch. Ich muss in Türkisch palavern; Ulrich unterbricht mit: „Öyle mı„(„Ist das so?“) Den Damen erzählt er, er sei Italiener, ich sei Türkin!  Dabei steht die Dyane 6 mit Frankfurter Kennzeichen draußen vor der Tür!

Die Rückfahrt von Rom führt über Orvieto und Montepulciano. Einige Postkarten aus dem Dom von Orvieto nehme ich bei meiner Visite mit. Ulrich meidet sakrale Räume „wie die Pest.“ So auch den Dom in Orvieto. Doch die Postkarten kann er verwenden. Sie kommen in das Kästchen, das Ulrich immer begleitet. In ihm sammelt er  alles: Postkarten, Werbung, Sprachspiele…. Aus einer der Postkarten aus dem Dom in Orvieto wird er Monate später ein Bild zaubern: Finimondo: her zaman. – Ausdruck seiner Sehnsucht nach Italien?

Vor Siena machen wir einen Abstecher ins „Bagno Vignoni“. Hier hat der Regisseur Andrej Tarkowskij für den Film „Opfer“ gedreht. Ein Foto des leeren Beckens mit einem kleinen Artikel dazu, abgedruckt in einer Frankfurter Zeitung, deckt die Kosten für unsere Reise.


Spielzeug DS 19; die „Göttliche“ (Déesse)

In 1985 und 1986 sind wir mit der blauen Dyane 6 unterwegs. Doch ein kleiner gelber Citroën DS 19, von Ulrich als Spielzeug-Auto bei Meder in der Bergerstrasse gekauft, ist immer dabei.

Der Citroën DS 19 ist ein Kultauto, das fast in jedem französischen Film der 60er, 70ern und 80ern zu sehen ist.  Roland Barthes hat den Citroën DS 19 in seinem Buch „Mythen des Alltags“ (1980) als „die Göttliche“ bezeichnet. (Ausgesprochen wird er als Déesse, „die Göttliche, da das Auto im Französischen weiblich ist.) – Der Citroën DS 19 bleibt für Ulrich lebenslang ein Faszinosum. Er findet Platz auf seinen Bildern, wird in Styropor nachgebildet; in seinen Gedanken ist er stets dabei.

Im Herbst 1987 habe ich auf Drängen von Ulrich einen gebrauchten Peugeot 504, Baujahr 1978, gekauft. Mit hellbraunen Ledersitzen, einem Dachfenster und der gelben Farbe ist er ein wahrer „Hingucker“.  Eine „citrusgelbe Luxusschleuder“, nennt Ulrich ihn im Brief.

Vor der geplanten Abreise in den Orient im Oktober stellt sich heraus, dass die Heizung nicht geht. Wir sind froh, dass es nicht, wie zunächst von der Werkstatt vermutet, der Motor ist. Die Reise verschiebt sich um vier Wochen. Rückblickend ist es ein treues Auto. Wie eine „junge Ziege“ bewältigt es im Osten der Türkei die im Bau befindlichen Straßen. Nur einmal muss die Zylinderkopfdichtung ausgetauscht werden.


In seinem Brief an die Frankfurter Freunde lobt Ulrich den Peugeot:“Tja, hier wird (…) die citrusgelbe Luxusschleuder wieder auf Vordermann gebracht und zwar versehen mit kultischen blauen Nummernschildern, die einen als langfristig in der Türkei Lebenden ausweisen. Der entscheidende Vorteil hierbei ist, daß man als Deutscher nicht gleich ausmachbar ist und damit auch weniger Gefahr läuft, immer und überall von absurdesten Pro‑Deutsch‑Fanatikern aufgebracht zu werden.“ (Brief Ende Februar 1988)

Aber nicht ein einziges Mal hat er meinen gelben Peugeot 504 als Kultauto oder gar „Göttliche“ verewigt!