„Eben mußte ich doch einige Minuten innerlich jappsen um wenigstens kurzfristig verkraften zu können, was ich soeben per Fernseher miterleben durfte. Des Zeitungslesens müde und nicht recht wissend was zu tun, also den Fernsehapparat eingeschaltet. Wider Erwarten (weil um die Nachmittagsstunden durchaus üblich) aber kein Türkbeziehungsdrama-Schmachter, auch nicht ‘uns Jupp’ (der kommt mit seiner neuen Kampagne immer zwischen 21+22 Uhr) sondern Peter Krauss!!!, die deutsche Version von ‘I’m just a lonely boy’ peinvollst präsentierend. Daß der dadurch bei mir hervorgerufene Schock fast noch zum Hirnschlag hätte führen können, ist mit dem oberultrapolitischen Outfit der an der Sendung beteiligten Akteure auf’s Engste zu verbinden. Sonst eher ein Freund der lockeren Kleiderordnung, mußte mir bei hier Vorgeführtem schlagartig klar werden, daß die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks nicht nur weit, sondern überhaupt nicht existent sind.
Daß es sich bei dem Streifen offensichtlich um ein 70er Jahre-Produkt (der ganze 15min. Schmachter kommentarlos + unsynchronisiert ‑ w h y ?) handelt, kann bestenfalls entschuldigend wirken, aber keineswegs die aufgefahrenen, grausamen Tatsachen verleugnen. Sicher kann man sich selbst auch einiger Narreteien (ich denke da vzgw. an ‘el Locke’, Hosen mit Schlag, Batikhemdchen, usw.) bezichtigen, für die, wenn das strafbestandstauglich wäre, sicher eine Bewährungs‑ oder ‑Geldstrafe (nat. in relevanten Tagessätzen) in Frage käme, die Protagonisten von ‘Gute Laune mit Musik’ (so heißt Unsägliches) aber, da bin ich mir totensicher, müßten Zeit ihres Lebens ihre irrebedienten Fummel beim einstündigem Auslauf im Zuchthaushof Gassi führen. Als Zugeständnis könnte man noch billigen, daß die Aufseher auch Hemdkragen bis zum Bauchnabel (wie Peter Krauss) mit sich schleppen dürften ‑ à pro pos, die Peter Krauss Variante des Paul Anka Liedes heißt übrigens: ‘Man liebt mich nicht mehr’. Diesen Hauch von Erkenntnis würde ich doch als ermittelnder Staatsanwalt glatt als strafmildernd goutieren.
Naja, das war also das. Hier in’s Detail gehen zu wollen, würde zu Ungunsten von real existierenden Kleidungsproblematiken führen, die sowohl im winzigsten Dorf als auch in der berstendsten Großstadt mannigfaltig vorhanden sind. Sich den jeweiligen Trends + Tendenzen zumindest peripher angleichen zu wollen oder müssen, ist selbst für einen toleranten, weltoffenen + weitgereisten Modezar nicht immer einfach. Ist es z. B. (wie hier) im Dorf absoluter Ouzo jedwede Gäste mit sichtbar offenem Hosenlatz zu empfangen, gelten in der Provinzstadt andere Merkwürdigkeiten.“ (Brief von Ende Februar 1988)