Rund um den Kinderfeiertag

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„Wie versprochen, gehe ich in die Schule, um mir die Vorbereitungen zum Kinderfeiertag anzusehen. Der Klassenraum ist mit Fähnchen und Papiergirlanden geschmückt. Über der Tafel hängt Atatürk, darüber die türkische Fahne. Links davon hängt die Nationalhymne, rechts davon steht eine Büste von Atatürk. Die Lehrerin fordert die Kinder auf, ihre Gedichte vorzutragen. Dann werden – schreiend – Lieder gesungen. An der gegenüberliegenden Wand ist eine Atatürk-Ecke mit zwei Tafeln eingerichtet: links stehen die handgeschriebenen Reformen von Atatürk, rechts Atatürks Kernaussagen.“ (Tagebuch vom 22. 04 .1988)

„Morgens um 8.00 Uhr steht der Bürgermeister vor unserer Haustür. Wir sollen nach Göҫbeyli kommen. Ich bekomme Herzklopfen! – Doch erst gehe ich zur 23. April Veranstaltung. Sie hat bereits angefangen. Am Platz der Republik (Cumhuriyet Meydanı)  stehen die Schüler mit ihren Lehrern, auf der gegenüber liegenden Seite sitzen die Männer; Frauen sitzen oder stehen an den Häuserwänden im Hintergrund und vor dem Hochzeits-Salon. Die Kinder tragen mit Pathos ihre Gedichte vor.

Ich bin durcheinander! Das Ganze nervt mich: was sollen wir schon wieder in Göҫbeyli? Ich denke an mein Gespräch mit dem Saarbrückener Kurden; ich denke an mein Gespräch mit der Hebamme, in dem ich vielleicht zu frei meine Meinung kundgetan habe.

Mit wenig Elan fotografiere ich und verlasse bereits um kurz vor 10.00 Uhr die Feier. – Ulrich hat das Auto nicht starten können. Wir fummeln weiterhin daran herum. Mit Hilfe eines Kabels gelingt es uns um 12.00 Uhr nach Bergama zu fahren. Wir sind dann um 13.30 Uhr in Göҫbeyli, einem sehr hässlichen Ort. Der Kommandant, ein junger Schnösel, befragt uns wegen unserer Aufenthaltserlaubnis; er will auch Ulrichs Paß sehen.Er will sich wichtigmachen. Er läßt etwas von Antiquitätenschmuggel verlauten: Ein Grieche, der einen Türken zum Kompagnon machen wollte, dient ihm als Beispiel. Wir sollen uns regelmäßig bei ihm abmelden… Hatte mich schon in einem Gefühl der Sicherheit gewähnt!

Göҫbeyli ist ein fürchterlich hässlicher Ort. Die Häuser sind verfallen, alles staubig. Wären wir hierhergekommen, wären wir bald wieder abgereist. ‑ Woran mag es liegen? Göҫbeyli befindet sich im Streit mit Bölcek. Bis zum letzten Sommer gab es keinen Markttag in Bölcek. Folglich fuhren die Leute aus Bölcek nach Göҫbeyli zum Einkauf, weil es am nächsten liegt. Seit es einen wöchentlichen Markt in Bölcek gibt, war jedoch niemand aus Göҫbeyli zum Einkauf in Bölcek. Nun hat die Verwaltung, belediye, über Lautsprecher aufgefordert, nicht nach Göҫbeyli zum Einkaufen zu fahren.“ (Tagebuch 23. 04. 1988)