Freitags, zur Zeit des Mittagsgebets, versammeln Frauen sich um einen dicken Baum. In dem Gebüsch darunter schaukeln winzige Gebilde aus Papier‑ und Stofffetzen. Während ihre Männer das Gemeinschaftsgebet in der Moschee verrichten, treibt sie der Wunsch nach Kindern und vielerlei andere Sorgen hierher. Trotz einem Hinweisschild, daß solche Praktiken im Islam nicht erlaubt seien, haben sie ihre symbolischen Wiegen als Votivgaben befestigt.
Von diesem Ort geht nach Auffassung der Türken eine besondere Segenskraft aus. Ist der Wunsch erfüllt, wird Lokum oder Helva, türkischen Honig, geopfert und zum Dank unter Gläubigen verteilt.
Der Islam toleriert das Bedürfnis des Volkes, über Legendenbildung Personen zu Heiligen zu erklären und sie zu verehren.
Ihre Wirkungskraft verteilt sich auf „Spezialgebiete“ wie Krankheit oder Unfruchtbarkeit. Hauptsächlich werden diese Orte von Frauen besucht, die hier Gelübde leisten oder Opfer bringen. So ein Heiligtum ‑ Türbe ‑ liegt meist an exponierter Stelle, etwa auf einem Hügel, in der Nähe einer Höhle oder einer Quelle, eines Baumes oder eines bizarren Felsen. Schon dadurch weist es auf übernatürliche Kräfte hin.
Ursprünglich hat dieses Anknüpfen die Bedeutung eines beschwörenden Bindezaubers gehabt. Der Heilige wird durch das Knüpfen des Haares oder des Tuchfetzens selbst „gebunden“ und kann sich nur lösen, indem er dem Bittsteller seinen Wunsch erfüllt. Heute werden Stoffetzen oft auch nach vollbrachter Heilung, also zum Zeichen des Dankes angeknüpft, und der ursprüngliche Sinn der Zeremonie hat sich verkehrt.