Marbesa & Kunst in der Saline/Sommer 1990


Ulrich arbeitet seit geraumer Zeit im Frankfurter „Hotel Westend“ als Nachtportier ab 19.00 Uhr. Ordentliches Aussehen, möglichst ein schwarzer Anzug wird für den Empfang in dieser Lage verlangt. Jeden Abend vor Antritt des Jobs muss Ulrich picobello im Hotel erscheinen. Der Cocker Spaniel Prudence hält sich derzeit auch in meiner 56 qm Wohnung im Frankfurter Hinterhaus auf. Leider verliert der Köter Haare. Die dürfen auf einem schwarzen Anzug nicht sein. Prudence will auch jeden Morgen um 6.00 Uhr Gassi gehen. Ich zerre ihn schlaftrunken die Treppe hinunter. Wenn Ulrich frei hat, schläft Prudence bis 12.00 Uhr durch. Na, schweigen wir lieber!

Der Galerist Hans-Jürgen Müller aus Stuttgart ist im „Hotel Westend“ Gast. Ein Gespräch zwischen Gast und Nachtportier entsteht. Fragen wie, „Was für eine Kunst machen Sie so?“ fallen. Dann geht alles sehr schnell. Der Künstler MAX FRANZ wird von Hans-Jürgen Müller entdeckt. Eine Art Freundschaft entsteht.

Hans-Jürgen Müller ist im Kunstbereich aktiv, u.a. ist er Initiator der Kulturinitiative „Atlantis“ und hat große Pläne für die Zukunft. Seine Galerie in der Ostendstraße 106 in Stuttgart befindet sich mit 400 qm im obersten Stockwerk. Aus den Fenstern bietet sich ein Blick über die Stadt. Im Parterre befindet sich ein Getränkemarkt. Der Trollinger verkauft sich dort in Kisten. Ulrich wird in die Galerie von Müller eingeladen. In den Galerieräumen darf er über sechs Wochen Bilder malen; in einem Fachgeschäft kann er Leinwand und anderes Material erhalten, wie er möchte. Bezahlen muss er nicht. Ulrich schläft auf seiner großen Luftmatratze auf dem Boden. Er schwebt im siebten Himmel. Riesige „Schmachter“ entstehen.

Ich sitze derweilen in Frankfurt am Reiseführer. Er ist fast fertig, aber Adressen und Telefonnummern müssen noch korrigiert werden. Endlich kann ich das Manuskript mit mehr als 500 Seiten abschicken. Mit dem gelben Peugeot brause ich nach Stuttgart.

Hans-Jürgen Müller hat große Pläne mit Ulrich. Müllers Freund ist der Bildhauer Erich Hauser. Er und seine Frau Gretel haben in Rottweil einen riesigen Kulturpark voller Objekte und mehreren Werkstätten zur Herstellung von Kunst. Dort ist Ulrich zu einem Gespräch mit einem Gremium geladen. Ich darf mit; die Kamera ist dabei. Bei diesem Treffen wird dem anvisierten Preisträger mitgeteilt, dass statt seiner MAX FRANZ den 2. Kunstpreis am 28. Juni erhalten wird. Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben!

„Hineinschneien“ bei Florian in Ramatuelle/Südfrankreich


Vorbereitungen in der Calle La Mancha

Doch noch müssen die Bilder für dieses Event gemalt werden. Ulrich und ich brausen mit dem gelben 504 nach Spanien. Unterwegs machen wir einen Abstecher bei Florian und seiner Freundin Claudia im Ferienhaus von der Familie Florians in Ramatuelle an der Cote d´Azur. Dann geht es weiter nach Andalusien.

Gertrud, Ulrichs Mutter, hat ein kleines Haus in Marbesa in der Calle La Mancha erstanden. Sie arbeitet zu dieser Zeit in Frankfurt und stellt es uns großzügig zur Verfügung. Ulrich entwickelt Ideen für Bilder zur Preisvergabe. Neue Phantasien flammen auf. Auch ich bin fleißig und sitze am Computer an der allerletzten Korrektur der Druckfahnen des Reiseführers…



Rottweil am Neckar 1990

Der 2. Kunstpreis und der 3. Kulturpreis werden am 28. Juni in Rottweil vergeben. Bazon Brock, Prof. für Ästhetik in Wuppertal, wird den Kulturpreis erhalten. Er und der Bürgermeister halten Reden; Häppchen werden angeboten und verspeist; die Gruppe Dr. Jazz spielt Musik. Sekt wird geschlürft. Gertrud, Ulrichs Mutter, ist mit Cocker Spaniel Prudence angereist.

Nach diesem Event werden die Bilder von Ulrich in Müllers Galerie in Stuttgart ausgestellt. Auf der Erfolgsleiter von MAX FRANZ geht es immer schneller hinauf. – In der Braubachstraße in Frankfurt findet am 9. November 1990 eine Einzel-Ausstellung von Ulrichs Bildern in der Galerie Friedmann Guiness statt. Die Liste der Verkaufsobjekte – leider ohne Preise – liegt vor: Es sind fast alles große „Schmachter“:

Angesagt ist danach ein Besuch bei der Art Cologne, die vom 15. bis 21. November 1990 in Köln stattfindet. Esther Friedmann will dort Bilder von Ulrich präsentieren. Obwohl ich zum 1. Oktober 1990 eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Kulturanthropologen in Frankfurt angetreten habe, fahre ich mit: Hin- und Rückfahrt an einem Tag. Es gestaltet sich eher enttäuschend für Ulrich. Sein Bild „Graue Theorie“ hängt unbeachtet, fast etwas abseits an Esthers Stand.

Schon vor Hans-Jürgen Müller hatte Ulrich mit Esther Friedmann als Galeristin länger zu tun gehabt. Wir hatten sie besucht. Die Deutsche Bank kauft eines seiner Bilder: „Kulüp Rakısı“ War dies aufgrund der Empfehlung von Esther Friedmann geschehen?

Auch wenn „Die Graue Theorie“ bei der Art Cologne nach Ulrichs Ansicht nicht werbewirksam präsentiert wird, glaubt er, seine Zukunft als Künstler sei gesichert. – Gleich danach folgt am 23.11.1990 eine Ausstellung in der Galerie Ostertag in der Siesmayer Straße im Westend. Die Preise für seine Bilder sind mächtig gestiegen. Vorbei sind die Zeiten, in denen seine Freunde noch Bilder erwerben konnten. Für das „Gesetz der Trägheit“, das teuerste Bild, wird 8000,‑‑ DM verlangt. – Das günstigste Bild „Endzeitstimmung“ ist für 1800,– DM zu haben. – Die „Übung“ ist mit 2400,‑‑ DM das Zweitgünstigste.  – „alter ego (mediterran)“, ein 3 teiliges Bild, kann für 6000,‑‑ DM erworben werden.- Der „Untergang des Abendlandes“ kostet  3000,‑‑ DM. – Wer kann das bezahlen?

Der Galerist Hans-Jürgen Müller finanziert im Anschluss an Rottweil Ulrichs Atelier in der Egenolffstraße in Frankfurt: es ist ein Arbeitsraum im Keller mit feuchten Wänden, die überstrichen sind. Der Galerist Müller plant auch ein Kulturzentrum in Teneriffa, wo dem Mythos nach Atlantis untergegangen sei. Bücher über Atlantis werden gekauft. Max Franz soll in diesem Kulturzentrum einmal die Wände gestalten.


Der große Tag der Preisverleihungen