„Der Bürgermeister und der Direktor der Volkschule in Cumali empfangen uns. Im Garten des Teehauses wird bereits keşkek gestoßen; in den Kesseln steht bereits die Weizengrütze (bulgur), die nun noch gewürzt werden wird. Die Essensvorbereitungen sind Sache der Männer. Geschlachtet wurde bereits am Tag zuvor oder am selben Morgen. Außerdem bereitet jedes Haus noch eigenes Essen zu.
Zu Gebeten um Regen kommen in der Region Bergama Bewohner mehrerer Dörfer zusammen. Das Gebet um Regen in Cumali ist heute ist ein Dankesgebet. Beim Beten werden deshalb die Hände nach unten gehalten, denn es hat bereits geregnet. Das `richtige´ Regengebet wird gehalten, wenn es sehr trocken ist. Dann werden die Hände nach oben empfangend geöffnet; danach wird das Empfangende nach unten symbolisch weitergegeben. Regional werden dazu noch allerlei Praktiken durchgeführt: Kinder werfen z.B. kleine Steine, die den Niederfall des Regens symbolisieren sollen.
Im Dorf Cumali liegt die Moschee außerhalb des Ortes. Zunächst wird von allen zusammen das Freitagsgebet gesprochen, nach diesem Gebet findet zusätzlich das Regengebet statt. Die Männer sind bereits in der Moschee versammelt; Frauen aus verschiedenen Dörfern versammeln sich zum Beten in der Schule.
Als wir ankommen, sind im Hof der Schule bereits Hunderte von Frauen versammelt. Ich bekomme ein Kopftuch umgebunden. Das Megaphon wird herausgebracht. An der Hauswand lesen Frauen eine Predigt und Beispiele aus dem Leben des Propheten vor. Dazwischen wird gesungen, auch das islamische Glaubensbekenntnis (la ilaha illalla) wird gebetet, bis es immer schneller und stärker gebetet, fast gesungen wird.
Die Festivität endet gegen 16.00 Uhr, folglich hat das Gebet der Frauen lange zuvor begonnen. Alle sitzen mit ausgezogenen Schuhen dicht beisammen. Während gebetet wird, turnen Kinder dazwischen herum. Die eine kommt, die andere geht. Besonders schön gekleidete Mädchen, die letztes Jahr geheiratet haben, verteilen Eau de Cologne und danach Bonbons. Da es mehrere Bräute sind, werde ich öfters durch sie bedient.
Die Veranstaltung endet mit der Ankunft des Traktors, der die Speisen bringt. Die Frauen wurden vorher noch gewarnt, nicht zu drängeln, aber es ist wirklich einiges los. Sie haben ihre Behälter ausgepackt und drängeln sich um den Anhänger. Der Direktor der Schule und der Bürgermeister verteilen Kichererbsen in Brühe, Keşkek und Bulgur. Danach setzen sich die Frauen um die Tücher und essen von der bebeteten, quasi „heiligen“, Speise. ‑ Immer noch verrichten einzelne Frauen ihr Gebet auf dem kahlen Boden. Kleinere Kinder hängen in den Schaukeln oder grölen herum. Über den Zaun schauen einige junge Männer neugierig zu; ein Trupp Kinder geht mit einem Fußball vorbei, um hinter der Schule zu spielen. (‘Die sind nicht von uns; das sind Fremde’ einigen sich die Frauen.) ‑ Inzwischen haben die Männer längst im Teehaus gespeist, doch die Frauen beten unermüdlich weiter.“ (Tagebuch vom 05. 06. 1988)