Edas Verlobungs- und Hochzeitfeier im dörflichen Festsaal
„Am Samstag hört man den ganzen Tag über die Trommeln im Dorf. Heute ist die Verlobung von Eda, morgen wird ihre Hochzeit sein. – Gegen halb sechs ‑ um die Zeit des Abendgebetes – brechen Seҫkin und ich auf. Wir hämmern an Hoftore und rufen die Namen der Frauen, denn alle Nachbarinnen aus unserer Straße gehen gemeinsam hin.
Der Festsaal – ein pastellfarben gestrichener, ehemaliger Kinoraum mit Bühne und einer Galerie im ersten Stock – befindet sich im Zentrum des Dorfes. Als wir ankommen, sind bereits Hunderte von Frauen versammelt. Die Älteren hocken überwiegend im Hintergrund auf den Lehnen der Stühle, um alles besser beobachten zu können. Nahezu alle kommen mit ihrem schwarzen Mantel, kıvrak genannt, dessen lange Ärmel rechts und links auf die Schultern herabbaumeln. Der Mantel hängt über dem Kopf. Seҫkin findet diese Tradition hässlich, aber es sei halt Pflicht. Vorher diese Tradition stammt, welche Funktion die Ärmel einst hatten, weiß sie nicht. In der Region von Bergama laufen alle Frauen so herum. In den Dörfern der benachbarten Region Soma tragen sie blaurote, gestreifte Tücher.
Unter den Mänteln sind die Frauen chic angezogen. Die Jüngeren haben Rouge und Lippenstift aufgelegt und moderne Wollkleider angezogen. Meist tragen sie ihren gesamten Goldschmuck: vier bis fünf Ketten, darunter eine mit Münze als Anhänger. Zusätzlich haben sie noch Perlenketten umgelegt. Goldohrringe tragen fast alle. Modefarbe ist in diesem Winter schwarz‑weiß. Karierte oder gestreifte Wollstoffe in diesen Farben dominieren. Die Braut Eda hat ein dunkelrotes golden besticktes Samtkleid an. Dazu trägt sie ein Geflecht aus feinen rosa Blümchen mit langstieligen Drähten im Haar. Nur ganz junge Mädchen sind zur Feier ohne Kopftuch erschienen.
Drei Roma-Musikanten spielen mit Kugeloboe, Blechkongar und Tambourin zum Tanz auf. Stehen die Frauen zum Tanz auf, ziehen sie ‑ trotzdem die Halle unbeheizt ist und es heute zum ersten Mal Nachtfrost geben wird ‑ Mantel, Jacke oder Strickjacken aus, zupfen sich die Kleider zurecht und schreiten zur Tanzfläche in der Mitte des Raumes. Die Musikanten spielen nur so lange, wie die Tanzenden sich bewegen. Sobald diese den Tanz abbrechen, beenden auch sie die traditionellen Rythmen. Sie setzen erst dann wieder ein, wenn die nächste Gruppe sich versammelt hat.
Die zukünftige Schwägerin von Eda fordert immer wieder zum Tanz auf. Meist tanzt die Braut mit ihnen mit. Ein gemeinsamer Tanz festigt Bindungen; immer sind die Gruppen der Frauen miteinander verschwistert, verschwägert oder befreundet. So tanzt Naziye sowohl mit ihren Cousinen wie auch noch einmal zusammen mit ihren Schwestern mit der Braut.
Die jungen Männer halten sich im Hintergrund auf dem Balkon des Kinos auf. Zusehen dürfen nur Jugendliche, die noch nicht verheiratet sind und die, die bereits verlobt sind. Hier bietet sich für die jungen Männer die Möglichkeit, unverschleierte Mädchen beim Tanz zu beobachten. So legen die Mädchen auch ihren ganzen Ernst in die Schritte, die sie zu tanzen haben. Herumsitzende Frauen ‑ alte wie junge ‑ beobachten genau, ob sie es vermögen, anmutig zu tanzen, ihre Schultern kreisen zu lassen etc.
Das Zurschaustellen ‑ vor den potenziellen Bewerbern und den zukünftigen Schwiegermüttern – dient dazu, zusammenzukommen, miteinander zu plaudern, Mode und Schmuck zu präsentieren und sich gegenseitig zu begutachten. Viele Frauen tragen hochhackige Absätze und ich frage mich, wie sie den Gang über das matschige Kopfsteinpflaster geschafft haben. Naziye trägt diesen Samstagabend ein blaues, gerafftes, tiefausgeschnittenes, damenhaftes Kleid. Frauen, die es sich leisten können, werden am nächsten Tag, dem Hochzeitsfest, ein anderes Kleidungsstück tragen.
Frauen mit gelben und weißen Kopftüchern, die bunter gekleidet sind als die ansässigen Dörflerinnen, werden mir auf meine Frage hin als Yürükinnen vorgestellt. Sie sind derzeit als Hilfskräfte zur Baumwollernte im Dorf. Sie bestaunen das Ganze mit aufgerissenen Augen.
Da ertönt von draußen das Nahen der Trommeln: Die Seite des Bräutigams ist mit Henna gekommen. Auf einem Kilim, der auf der Tanzfläche ausgebreitet wird, lassen sich die Frauen der Männerseite nieder. Sie stehen nun auf, um mit der Braut zu tanzen und heften ihr dabei Geldscheine an die Brust. Zuvor ist dieser Geldschein über dem Kopf der Braut gekreist worden. Einige der bereits gekreisten Geldscheine werden in das Tamburin der Musikanten gelegt.
Auf ausdrückliches Herbeiwinken von Eda kommen zwei junge Männer zur Tanzfläche: ein Nachbarssohn und ein Cousin von Eda. Auch sie gehören zur ihren sağdiҫ, sagt Seҫkin ‑ also zu den engsten Freunden. Sie kauern sich auf den Teppich. Schon vorher waren Bierflaschen sichtbar geworden. Sie dürfen sie jetzt von der Braut als Belohnung verlangen. Eda überreicht ihnen eine Flasche Bier und eine kleine Flasche Raki. Sie tanzen danach mit der Braut und stecken ihr einen Geldschein und ein Goldstück an die Brust. Anschließend tanzen die jungen Männer allein weiter. Frauen kommen, lassen Geld um ihren Kopf kreisen. Das Geld kommt anschließend in das Tambourin der Musikanten.
Die Frauen der Männerseite haben inzwischen auf einem Tablett einen runden Ballen Henna gebracht, um den herum Kerzen brennen. Nun stehen alle Frauen der Männerseite auf und nehmen Kerzen zum Tanzen in die Hand. Über den Kopf der Braut wurde inzwischen ein rotes Tuch ausgebreitet. Nun muss der Tanz beendet werden. Die rechte Hand der Braut wird nun mit Henna bestrichen und in ein rotes Tuch gewickelt.
Viele Frauen sind gruppenweise bereits aus dem Saal gegangen. Damit ist die Henna-Nacht für die meisten Frauen beendet. Der Braut wird, so Seҫkin, zu Hause noch einmal Henna auf Füße und Hände aufgetragen. – Die Seite des Bräutigams wird die ganze Nacht durchfeiern, wobei Alkohol getrunken werden darf.“ (Tagebuch vom 05. 12. 1987)
„Nach dem Mittagsgebet gehe ich am nächsten Tag, einem Sonntag, mit fünf oder sechs Frauen aus unserer Straße zum Festsaal. Wieder sind ähnlich viele Frauen zusammengekommen. Viele haben kleine Kinder dabei. Während sich bereits die etwas älteren Knaben ab sechs Jahren aufwärts auf der Bühne mit den jungen Männern befinden, sitzen kleine Mädchen auf dem Schoß der Frauen, Babys schlummern bei den Großmüttern.
Zunächst habe ich ‑ bei schönem sonnigem Winterwetter ‑ das Gefühl von Zeitverschwendung. Nur Herumsitzen und auf die Braut warten erscheint mir zu banal. Vielleicht wäre Ethnologie am Schreibtisch ‑ als reines Literaturstudium ‑ sinnvoller? Ich sage mir, dass das meine Arbeit ist und beobachte weiterhin. Verlobung und Hochzeit sind Dauerbrenner im Dorf! Immer wieder wird daraufhin gewiesen, wer als nächstes heiraten wird.
Für die Frauen ist die Feier ein Vergnügen. Nicht hinzugehen würde als Brüskierung aufgefasst werden. – Bald ist der Saal so voll wie am Vortag zuvor und auch die jungen Männer sind wieder da.
Kleine Mädchen schwatzen, junge Mädchen treffen Freundinnen, bereits Verlobte tauschen – wenn ihr Verlobter zum Zuschauen kommt – mit ihm ihre Geheimnisse aus. Auch Şerefe, die Tochter von Siddika, sieht hier ihren Verlobten.
Die zukünftige Schwägerin von Eda eröffnet den Tanz, da die Braut noch beim Frisör weilt. Die Tanzabfolge des Vorabends wiederholt sich. Dann kommt die Braut Eda. Sie trägt um die Taille ein rotes Band, an der ein dickes Goldarmband, ein Geschenk ihres Vaters, hängt. Dieses rote Band ist ihr in Gegenwart des Hoca umgehängt worden, der dabei gebetet hat. An ihrer Brust befinden sich fünf oder sechs Goldmünzen, die ebenfalls mit einer roten Schleife befestigt sind. Sie trägt einen Kranz aus weißen langstieligen Blüten, dazu weiße Handschuhe. An ihrem Handgelenk sind Lamettafäden befestigt.
Drei Mädchen der Gegenseite stellen sich auf, gehen auf Eda zu und heften ihr Geldscheine an die Brust. Die Braut muss nun immer wieder mit verschiedenen Frauengruppen tanzen. Dann ist die Feier beendet.
Unweit des Salons stehen die Männer. Zwei Personen mit großen und zwei mit kleineren Trommeln sorgen für Unterhaltung. Einige junge Männer tanzen dazu. Ein geschmücktes Kamel und sein Halter stehen ebenfalls herum. Dann fährt ein Auto vor; die Braut Eda und ihre Schwägerin steigen ein und sie fahren fort .“ (Tagebuch vom 06. 12. 1987)